… habe ich mir einen kleine Geschichte ausgesucht, zu der mich ein Zeitungsartikel inspiriert hatte (auch eine Form von Weltöffentlichkeit). Frei nach Lazarak: Trägt das Eis, knackt das Eis? Wer schaut mir zu? Alle, wenn sie wollen.
Also dann:
BEI ANRUF MORD
30 Sekunden nachdem der Notruf kam, saßen sie auf ihren Plätzen. Der Rettungswagen raste blitzend und heulend durch die Nacht. Sie waren ein eingespieltes Team. Rolf fuhr den Wagen, während Karsten mental durchging, was er für diesen Einsatz brauchte. Ein Sturz in der eigenen Wohnung. Verdacht auf Oberschenkelhalsbruch. Die alte Dame hatte sich noch selbst zum Telefon geschleppt. Was musste sie für einen ungeheuren Lebenswillen haben! Die meisten würden bei diesen Schmerzen wohl einfach liegen bleiben.
In der Strasse angekommen, stellte Rolf die Sirene ab. Nur das blaue Licht tauchte alles zuckend in gespenstische Blässe. Sie ließen es bei den Einsätzen immer an. Vorsichtshalber. So kamen sie leichter wieder zurück auf die Strasse; weil man Abstand hielt.
„Leider müssen Sie die Tür aufbrechen“, tönte es von drinnen, als sie klingelten. Eine alte Stimme, zittrig, aber klar und entschlossen. „Ich kann nicht aufstehen.“ „Machen Sie ruhig; ich lasse es reparieren.“ Karsten hatte das Werkzeug schon dabei und es dauerte nur wenige Sekunden. Die alte Dame lag im Flur. Ihr Gesicht war vor Schmerz blass und verzerrt, doch sie wirkte gefasst. „Ich hatte den Becher auf dem Boden nicht gesehen. Einen kurzen Augenblick unaufmerksam und nun das.“ Ihr rosiges Gesicht sah gepflegt aus, ihr Haar war sorgfältig geschnitten und über ihrem Schlafanzug trug sie einen eleganten Morgenmantel. Karsten dachte kurz daran, dass diese Frau sicher noch viel in ihrem Leben vorgehabt hatte, als ihr das passiert war.
Sie stellten die Trage ab und halfen der Frau behutsam darauf. „Ich gebe Ihnen jetzt eine Spritze, dann läßt der Schmerz nach“ Karsten schob zärtlich ihren Ärmel hoch. Während er die Spritze setzte, streichelte er leicht ihren Kopf. Das machte er immer so. Sie entspannte sich; nur die Augen waren noch offen.
Als sie zum Wagen zurückkamen, waren ein paar Nachbarn dazu gekommen. Die leise Unterhaltung verstummte sofort. Niemand wagte es, eine Frage zu stellen, als das blasse, teilnahmslose Gesicht der alten Dame sichtbar wurde. Karsten und Rolf verankerten die Trage und stiegen vorne ein. Jetzt war die Sirene Pflicht. Der Bestattungsunternehmer zahlte wie immer 100 Euro.
Was ist das denn für eine furchtbare Geschichte? Und was für ein Zeitungsartikel, der Dich dazu inspiriert hat? Ist das so tatsächlich vorgekommen, eine wahre Geschichte? Also dass die Rettungssanitäter Geld vom Bestatter bekommen haben? Wie konnten sie denn die Verwandten beeinflussen, dass genau der „richtige“ Bestatter engagiert wurde? Und wo war der Arzt?
Fragt sich eine geschockte Leserin
Ja, es ist meine Geschichte zu einer wahren Geschichte. Soll sich in Polen so oder so ähnlich abgespielt haben. Spielt das eine Rolle? Inwiefern verändert sich die Geschichte für dich, wenn du das weißt? Findest du sie weniger „furchtbar“? Bist du dann weniger „geschockt“?
Fragt sich die Autorin
Oh. Missverständnis?!? Oder nicht? Wie einfach wäre das jetzt zu klären, wenn dies hier kein Blog, sondern ein Telefonat wäre….
Ich versuchs trotzdem.
Also: Nein, die Geschichte verändert sich natürlich nicht für mich dadurch, ob sie in Polen, Deutschland oder in Honolulu stattgefunden hat. Aber ja, klar, die Geschichte verändert sich für mich total dadurch, dass es eine wahre Geschichte ist. Und zwar dahingehend, dass ich sie jetzt tatsächlich furchtbar finde und tatsächlich geschockt bin. Wenn sie nur fiktiv wäre, wäre ich überhaupt nicht geschockt. Dann würde ich sie lesen als Warnung vor Machtmissbrauch durch Ärzte oder Sanitäter bzw. als Hinweis darauf, dass auch Menschen in „helfenden Berufen“ nicht davor gefeit sind, schlechte, geldgierige Menschen zu sein (oder zu werden) oder es wäre einfach ein Kurz-Krimi ohne Kommissar. Und sie erinnert mich an die Fälle von Pflegern in Altersheimen, die aus (angeblichem oder tatsächlichem) Mitleid wehrlose alte Menschen „erlöst“ bzw. ermordet haben. Was ich immer ein wichtiges Thema fand, weil es so Vieles beinhaltet: vom überforderten Helfer bis zur Frage nach der Erlaubnis von Sterbehilfe. Aber das ist jetzt wieder ein ganz anderes Thema – denn in Deiner Geschichte geht es ja eindeutig um Mord aus Geldgier.
Beantwortet das Deine Fragen? Ansonsten gerne noch mal nachfragen.
Jetzt habe ich aber auch noch eine Frage: Was hat Dich an dem Thema so fasziniert, dass Du eine Geschichte dazu schreiben wolltest? Musst Du aber natürlich nicht beantworten. Bin nur neugierig.
Viele Grüße,
ich
P.S.: Du bist der erste Mensch, mit dem ich mich via Blog unterhalte
Same here! Ich will mal versuchen, deine Frage zu beantworten: Ich schreibe oft Geschichten über Dinge, die ich nicht begreife, weil sie vielleicht zu schrecklich sind, oder weil sie meinen Erfahrungshorizont übersteigen etc. In diesem Fall war es wohl eindeutig der Schrecken. Dass Helfer eine wehrlose Person kaltblütig ermorden, um ein paar Euro zu kassieren, damit komme ich nicht mehr klar. Im Englischen gibt es dafür einen schönen Ausdruck: I can`t get my head around this. Passt für mich besser als „begreifen“, meint aber dasselbe. Ich krieg sowas in meinen Kopf, indem ich darüber schreibe, gerne auch aus der Perspektive einer Person, die ich am meisten verachte, oder die mir Angst macht etc. Und danach kann ich die Sache zu den Akten legen. Sie spuckt mir nicht mehr im Kopf herum und macht mir das Leben sauer.
Nun, normalerweise belästige ich meine Mitmenschen nicht mit meinen Alpträumen und ich hatte auch gar nicht vor, diesen kleinen Text zu „veröffentlichen“. Aber da kam Ü3 daher, ich hatte keinen Beitrag und da dachte ich, „Wird schon keinem groß auffallen“. Tja, falsch gedacht. Hoffe, du schläfst jetzt trotzdem gut.
Ach ja, wenn dir mein Gelaber noch nicht zu langweilig ist: Wenn ich so darüber nachdenke, ist so ein Stolperstein in meinem Kopf der wichtigste Anlaß für meine Geschichten überhaupt. Muss ja nicht immer so schrecklich sein. Vor vielen Jahren habe ich ein paar pubertierende Jungen in einer S-Bahn beobachtet. Diese verpickelten, unbeholfenen Fast-noch-Kinder, mit ihrem Machogehabe und ihrer unregelmäßigen Testosteronszufuhr stehen mir in etwa so nah wie Aliens. Ich begreife sie nicht und ich mag sie auch nicht. Also: Geschichte. Sie handelte von der ersten Liebe, dem ersten Begehren aus der Sicht eines pubertierenden Jungen. Damals habe ich mit meiner Literaturgruppe regelmäßig Lesungen veranstaltet und einmal auch diese Geschichte vorgetragen. Am Ende kam jemand auf mich zu und fragte mich, woher ich so genau gewußt hätte, wie sich ein Junge in der Situation fühlt. Er habe sich inder Geschichte total wiedergefunden. Beim Schreiben passieren manchmal seltsame Dinge.
Keine Sorge, ich schlafe noch gut
Und Dein von Dir so genanntes „Gelaber“ ist absolut kein Gelaber, sondern ich fands total interessant zu erfahren, was Dich zum Schreiben inspiriert. Finde die Idee mit dem „Stolperstein“ und dem Versuch, zu verstehen, total gut – sollte ich vielleicht auch mal ausprobieren. Verhindert auch, dass man immer nur um sich selbst kreist. Das gefällt mir.